Meine Motivation
„Pfui! Lass das! Das darfst Du nicht machen.“
Diese Aussagen von einer Heilerziehungspflegerin waren die ersten Worte, die mich dazu angeregt haben über die Sexualität von Menschen mit Behinderungen nachzudenken. Ich war damals 15 Jahre alt und habe mein Schulpraktikum bei einem Leistungserbringer, in einer Fördergruppe für Menschen mit Behinderungen gemacht. Ein Mann mit einer geistigen Behinderung, hatte sich in der Mittagspause in einem der Snoezelräume zurückgezogen und masturbiert. Dabei wurde er von meiner Anleiterin unterbrochen, mit der Aussage: „Pfui! Lass das! Das darfst Du nicht machen“. Mir sind damals tausend Fragen durch den Kopf geschossen. Warum reagiert sie so extrem? Warum darf er nicht masturbieren? Oder soll er nur hier nicht masturbieren? Das hätte ich vielleicht etwas verstanden. Aber welche Alternativen hat er, wenn er in einem Doppelzimmer wohnt? Ob die Fachkräfte im Wohnbereich mit ihm darüber sprechen? Wird sowas überhaupt besprochen? Gibt es eigentlich Aufklärungsarbeit in Wohnbereichen der Eingliederungshilfe?
Diese ganzen Fragen haben mich in meiner beruflichen Laufbahn immer wieder eingeholt und nicht losgelassen. Theoretisch wird Inklusion, Selbstbestimmung und Teilhabe groß geschrieben, aber das Thema Menschen mit Behinderung und Sexualität ist nach wie vor in der Gesellschaft ein Tabu. Häufig habe ich den Satz gehört „Wir wollen keine schlafenden Hunde wecken.“ Da stell ich mir wieder die Frage: „Warum nicht?“ Es gab viele Gründe, aber einer war stets präsent: die Angst. Die Angst davor, etwas Falsches zu sagen, die Angst davor zu wenig Wissen zu haben und vor allem die Angst vor Fehlinterpretation.
In meiner Arbeit als Heilerziehungspflegerin im Wohnbereich für Menschen mit Behinderungen habe ich mich regelmäßig in vielen Gesprächen für eine selbstbestimmte Sexualität stark gemacht, um die Ängste zu mindern. Ich war die Ansprechpartnerin für Kolleg*innen, für Eltern, rechtliche Betreuer*innen, aber vor allem für die Menschen mit Behinderungen, rund um Sexualität und Partnerschaft.
Auch im Studium Soziale Arbeit habe ich mich intensiver mit dem Projekt Sexualpädagogik, Gesundheitsfürsorge und Aidsprävention auseinandersetzt. In diesem Projekt absolvierte ich Praxisstunden, indem ich Verhütungsaufklärung und Aidsprävention in Gesamtschulen durchgeführt habe. Aufgrund meiner praktischen Vorerfahrung, dass es wenig Aufklärungsmaterialien für erwachsene Menschen mit Behinderungen in leichter Sprache gibt, erstellten meine Kommilitoninnen und ich einen Kurzfilm in leichter Sprache über sexuell übertragbare Krankheiten. Aus rechtlich geschützten Markengründen durften wir diesen leider nicht veröffentlichen.
Das Projekt gab mir nochmal einen Motivationsschub mich intensiver mit der selbstbestimmten Sexualität auseinanderzusetzen. Die Lücke bezüglich der wenigen Materialien in dem Bereich der Eingliederungshilfe beschäftigte mich nach wie vor und ich hatte beschlossen, im Rahmen meiner Bachelorarbeit, ein Aufklärungsbuch in leichter Sprache für Menschen mit Behinderungen zu schreiben und zu veröffentlichen. 2018 war es soweit und ich hielt mein eigenes Buch mit dem Titel „Schöne Gefühle“ in den Händen und verwendete es in der Aufklärungsarbeit direkt im Wohnbereich in dem ich tätig war.
Ich setze mich auf verschiedenen Ebenen für die selbstbestimmte Sexualität von Menschen mit Behinderungen ein, sei es in meiner Dozentenrolle an der Akademie für Rehaberufe in Hildesheim oder bei meiner aktuellen Arbeitgeberin. Es erfüllt mich regelrecht, wenn meine Kolleg*innen um Rat in Bezug auf Sexualpädagogik oder Partnerschaft bitten, da ich dadurch die Möglichkeit habe, mich für jede einzelne Person einzusetzen und förmlich aufblühe.